Rückzugsgefechte einer jungen Zivilisation

Angesichts der Ölpreissprünge werden die Überlegungen über eine W elt ohne Öl immer konkreter

Es ist Sommer, die Mücken tanzen zwischen den Bäumen, zwei Freunde kommen vom Fischen, sie lassen sich Zeit. Der eine war einmal ein erfolgreicher Werbefachmann. Das ist lange her. Jetzt hat er Zeit. Viel Zeit. Der andere ist Priester. Die sind gefragt, nach all den Toten. Sie gehen zu Fuß. Dies ist die Zukunft. Mitten im Naturidyll Amerikas. Doch nichts ist, wie es zunächst scheint, in dieser neuen Welt irgendwann um das Jahr 2030. Autos gibt es nicht mehr, weil es kein Benzin mehr gibt. Telekommunikation, Internet, Stromversorgung sind zusammengebrochen. Die Highways, auf denen keiner mehr fährt, verfallen, keiner kümmert sich darum, mit was auch. Und es ist heiß, viel zu heiß. Der Asphalt zerreißt, die leeren Häuser verfallen, die Natur erobert den Planeten zurück.

Eine große Zahl der Menschheit wurde dezimiert durch Seuchen, gegen die es keine Medikamente mehr gibt, genau weiß man es im Dorf nicht, der Kontakt zur Außenwelt ist spärlich. Kinder sieht man selten, sie hat es am schlimmsten getroffen in den großen Grippewellen. Von einem Heiligen Krieg haben manche noch gehört in den seltenen Radiosendungen, irgendwo im Nahen Osten, ehe die Bomben über Washington und Los Angeles explodierten. Spätestens dann muss alles zusammengebrochen sein, irgendwo soll zwar noch die Ruine einer Bundesregierung existieren, doch eigentlich ist längst jedes Dorf, jeder Hof auf sich gestellt. Egomanen herrschen in isolierten Städten, ehemalige Kleinkriminelle plündern die Luxusvillen in den verlassenen Suburbs und verkaufen die Rohstoffrelikte aus der Alten Zeit: Plastik ist begehrt, weil man es nicht mehr herstellen kann. Schläuche. Eimer. Die Welt ist archaisch geworden. Und ziemlich konservativ.

Grundlage der Weltwirtschaft

In dem Roman „World Made by Hand“ ist die Zivilisation auf dem Rückzug, und die Menschen akzeptieren diesen Niedergang mit einer Mischung aus Apathie und Pragmatismus. Hier herrscht noch keine völlige Anarchie wie in den „Mad Max“- und „Waterworld“-Phantasien des Kinos, in denen viel und laut gekämpft wird. Nein, Glück besteht aus harter Arbeit, Heustadeltänzen und Dorfversammlungen. Nicht von ungefähr mutet der Roman an wie ein Lobgesang auf die Zeit von „Unsere kleine Farm“ – er wurde von einem Amerikaner verfasst, der schon lange Amerikas Lebensstil geißelt: James Howard Kunstler. Er hat sich in provozierenden Sachbüchern wie „Home from Nowhere“ als Kritiker der Suburbanisierung hervorgetan und den „New Urbanism“ propagiert, der den Autostädten eine neotraditionelle Stadtplanung entgegensetzt. In „The Long Emergency“ postulierte er die Grenzen jeglichen Wachstums in der Tradition der berühmten Studie des Club of Rome von 1972.

„World Made by Hand“ beschreibt die Zukunft in einem Amerika, in der die Ära des Erdöls zu Ende gegangen ist. Es ist kein literarisches Meisterwerk, aber eine Art Handbuch für eine Theorie, die sich von Amerika nach Großbritannien und inzwischen auch im kontinentalen Europa verbreitet hat, die Theorie des „Peak Oil“. Dabei geht es um den ominösen Zeitpunkt, an dem die Ölförderung nicht mehr erhöht werden kann, die Nachfrage aber weiter steigt. Sobald die Ölförderung diesen Scheitelpunkt erreicht hat, glauben die Anhänger der Theorie, wird es vorbei sein mit dem billigen Öl. Es wird ständig teurer und knapper, Verteilungskämpfe werden einsetzen, Industrien verschwinden, schließlich die internationale Ordnung. Denn unsere Industriegesellschaften und unsere Finanzmärkte basieren auf der Annahme des ständigen Wachstums, der immer mehr von billigen fossilen Brennstoffen abhängt. Öl ist der wichtigste davon.

Die Ölproduktion stagniert seit 2005 bei etwa 85 Millionen Barrels pro Tag, dafür steigt aber der Preis. Am letzten Freitag machte er seinen bisher größten Sprung nach oben – um 11 Dollar auf 138 Dollar pro Barrel. Bis auf 200 Dollar oder mehr, schätzen Analysten von Goldman Sachs, könnte der Preis für ein Barrel Rohöl klettern. 40 Prozent des Öls, heißt es im Petroleum Review, „kommt aus Regionen, in denen die Produktion ganz eindeutig abnimmt.“ Peak-Oil-Theoretiker sehen darin ein Zeichen für den Beginn des Niedergangs. Und zunehmend nicht nur sie. Vor wenigen Jahren glaubten noch viele, Peak Oil werde erst zwischen 2015 und 2030 eintreten. Immer mehr Analysten schwenken nun um. 2010 ist das nun am häufigsten genannte Datum. Manche sagen, Peak Oil sei jetzt.

Die Tatsache, dass dieser Scheitelpunkt irgendwann eintreffen wird, stellt kaum einer mehr in Frage, auch wenn Politiker und Medien den Ausdruck lieber vermeiden und Vertreter der Theorie gern als irre Apokalyptiker abtun. So wie ihren Begründer, den Shell-Geologen Marion King Hubbert. Der hatte in den fünfziger Jahren vorausgesagt, dass die amerikanische Ölproduktion um 1970 herum ihren Scheitelpunkt erreichen würde, um dann unaufhaltsam zu fallen. Das allgemeine Gelächter einer vom Rohöl besoffenen Welt verstummte, als der Scheitelpunkt in den USA 1970 tatsächlich erreicht wurde.

Doch es sind ja nicht nur die Apokalyptiker, die vor den Folgen warnen. Als Dick Cheney noch Vorsitzender des Energiekonzerns Halliburton war, hielt er im Herbst 1999 eine Rede vor dem Institute of Petroleum. Die „Grundlage der Weltwirtschaft“, warnte er, werde bald extrem knapp werden. Die amerikanische Energiebehörde EIA veröffentlichte 2007 einen Report, in dem sie davon ausgeht, dass die Produktion 2006 ihren Höhepunkt erreicht habe. Das Aspen Institute warnte vor dem Ende des „easy oil“. Und gerade erklärte der amerikanische Finanzminister Henry M. Paulson, dass es „keine schnellen Lösungen“ für die hohen Ölpreise gebe, denn es sei ein Problem von Angebot und Nachfrage. „Die Produktionskapazitäten haben keine neuen Entwicklungen gemacht.“

„Die Frage ist jetzt: Wie steil ist der Abhang auf der anderen Seite“, sagt der Energiefachmann Matt Simmons, einst Berater von George W. Bush und Autor von „Twilight in the Desert“. Und wie wird sie aussehen, eine Welt, in der Öl nicht mehr im Überfluss vorhanden ist?

Die Zeit nach dem Peak wird eine Zeit der Kontraktion, glauben die Peakisten. Denn Öl ist nicht nur Brennstoff, es steckt in fast allem, was unsere moderne Welt ausmacht. Es ist der wichtigste Rohstoff für Kunststoffe. Es steckt in Halbleitern und Düngemitteln, in Reifen und im Straßenbelag. Moderne Medizin, Medikamente und Impfstoffe würden ohne Öl nicht existieren, ebenso wie die industrialisierte Landwirtschaft mit ihren gewaltigen Erträgen nicht möglich wäre ohne Maschinen und auf Mineralöl basierenden Düngemitteln und Pestiziden.

Zurück zur Scholle

Ein paar Jahrzehnte nach dem Peak wird es das Auto, das Symbol unseres Zeitalters der Individualität, nur noch für die Superreichen geben. Und auch für die nur eine Zeitlang. Das Leben in den endlosen Vororten Amerikas und zunehmend auch Europas wird nicht mehr möglich sein. Schlafstädte und Suburbs werden aufgegeben, Menschen wieder in die kleineren Städte und in landwirtschaftliche Gebiete ziehen. Die Metropolen werden auf die Zentren schrumpfen und entlang der Wasserwege wachsen. Eisenbahnen müssen ausgebaut werden, denn Fluglinien gehen heute schon bankrott. Der internationale Handel wird zusammenbrechen. Lebensmittel müssen möglichst lokal erzeugt werden – und mit körperlicher Arbeit. Peak Oil wäre das Ende der Globalisierung. Zugleich würden traditionelle Nachbarschaftsstrukturen wiederbelebt.

Ratschläge für die Welt nach dem Peak werden inzwischen von einem bemerkenswerten Sammelsurium aus ernsthaften Fachleuten und fragwürdigen Panikmachern ausgegeben. Da gibt es die „Techno-Fixer“, wie sie Richard Heinberg nennt, ein anderer Vordenker der Peak-Oil-Bewegung. Sie glauben, dass die Welt langfristig erfolgreich mit dem Ölmangel zurechtkommen wird – durch bessere Technologien, alternative Energien und höhere Effizienz. Ihnen wird allerdings gern vorgerechnet, dass eine solche Entwicklung gar nicht so schnell gehen kann, wie das Öl zur Neige geht.

Auf der anderen Seite bieten Apokalyptiker und „Survivalists“, die mit dem Untergang des Planeten schon immer gerechnet haben, ihre Überlebensstrategien nun für das Ende des Ölzeitalters. Denn während man in den achtziger Jahren noch nach Australien auswandern konnte, sollte man heute ihrer Meinung nach nur noch Dinge horten und einen Unterschlupf bauen. „Doomers“ nennt sie Heinberg in Anlehnung an den Tag des Jüngsten Gerichts. Und er beschreibt zugleich selbst lustvoll seine Version der Zukunft: „Extrem umweltschädliche Energiealternativen wie Kohle und Ölsand werden zum Blasebalg des Fegefeuers der Klimaerwärmung. Extremistische politische Bewegungen werden entstehen, und die Welt wird in einem Kampf um die letzten Ressourcen untergehen. Wen die Kriege nicht umbringen, der wird verhungern.“

In England preist der Arzt und Journalist Vernon Coleman gerade in ganzseitigen Anzeigen seine Version der Zukunft an: Die „Oil Apocalypse“, so der Titel, „ist kein Skript für einen Horrorfilm. In einer Generation werden fünf von sechs Menschen auf dem Planeten tot sein.“ Seinen Lesern rät er, sich auf eine völlig andere Welt vorzubereiten, „in der die Reichen Pferde reiten, die Mittelschicht Fahrrad fährt und die Armen zu Fuß gehen. Kaufen Sie kein Haus, für das Sie ein Auto brauchen.“ Auch der Held in Kunstlers „World Made by Hand“ träumt vom einem Pferd. Das ist der Luxus der Zukunft.

In diesen Tagen nun demonstrieren Inder, weil die Regierung die Benzinsubventionen gesenkt hat. Hersteller von Waschmitteln bis Computerbildschirmen warnen vor höheren Preisen. In Europa gehen Fischer auf die Straße, weil der Rohölpreis das Ausfahren inzwischen unrentabel macht. Der Preis für eine Tonne Düngemittel hat sich in den letzten Jahren vervielfacht; Fachzeitschriften für Landwirte informieren ihre Leser darüber, wie sie ihre Betriebe umbauen können – aus der Not geboren, nicht, weil man unbedingt ökologisch arbeiten will. In den USA ziehen die Bürger in die Städte, und die ersten Suburbias verelenden schon zu Slums.

Ideen aus den vierziger Jahren

Der angesehene Ökologe Bill McKibben rät zur „Deep Economy“, zur „Re-Lokalisierung“ der Produktion. Zurück zur Scholle ist ein Lieblingskonzept der Peakisten. So wie „Permakultur“, eine ökologische Antwort auf die erste Ölkrise in den Siebzigern, die auf Grundlage ethischer Leitsätze die Rückkehr zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und Energieversorgung propagiert. Zu den neuen Survivalisten zählt inzwischen selbst jemand wie Barton M. Biggs, der frühere Chefstratege des Finanzinstitutes Morgan Stanley. Wie andere hat auch er ein Buch herausgebracht, in dem er vor dem möglichen Kollaps der Zivilisation warnt: „In Ihrem Zufluchtsort müssen Sie Selbstversorger werden und in der Lage sein, etwas Nahrung anzubauen. Sie sollten gut mit Saatgut ausgerüstet sein, mit Dünger, Konserven, Wein, Medikamenten und Kleidung. Stellen Sie sich die Familie Robinson vor.“

Wer ein Beispiel für eine gelungene Umstellung der Nahrungsproduktion für das Post-Öl-Zeitalter sucht, findet sie dann ausgerechnet in Kuba. Die Insel hat vorgeführt, wie man in der Landwirtschaft ohne Petrochemie auskommt. Als nach dem Ende der Sowjetunion die Öllieferungen ausblieben, kollabierte die vom Öl abhängige Landwirtschaft. Es drohte eine Hungerkatastrophe. Heute haben Tausende Ochsengespanne Traktoren ersetzt, an den landwirtschaftlichen Fakultäten forschte man nach Nützlingen und Bakterien, die Dünger und Pestizide ersetzen, überall gibt es Stadtgärten. Inzwischen ist Kuba in der Lage, sich selbst zu versorgen. Ohne Luxus, aber zumindest muss niemand mehr hungern. Deswegen fahren Ökologen aus aller Welt auf die Insel, um das Programm zu studieren.

In Großbritannien erklären sich Städte und Dörfer unterdessen zu sogenannten „transition towns“, Übergangsstädten. Städte wie Bristol versuchen, ihre Wirtschaft, Transportwesen, Energie- und Nahrungsversorgung zu „relokalisieren“. Die Praxis, berichtete ein Reporter des Guardian, sei allerdings weniger spektakulär. Man zeigt sich Filme über Peak Oil und Klimawandel, einige Orte haben eine eigene Währung eingeführt, mit der man lokale Produkte erstehen kann. „Es gibt Workshops für Gemüseanbau, Brotbacken und Sockenstopfen. Nun, sollte das alles ein wenig nach den vierziger Jahren klingen, dann deshalb, weil es so ist.“ Denn viele Ideen stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als in England jahrelang der Treibstoff knapp war.

Nach Untersuchungen der amerikanischen Energiebehörde EIA würde es 20 Jahre dauern, um die Weltwirtschaft so umzubauen, dass ein wirtschaftlicher und sozialer Kollaps verhindert werden kann. Zehn Jahre, so der Bericht, seien schon knapp kalkuliert. Bleibt noch weniger Zeit, sind Revolten, Aufstände, Ressourcenkriege und der Zusammenbruch ganzer Gesellschaften so gut wie sicher.

Vielleicht haben die „Doomers“ ja doch recht. Denn geschehen ist nicht viel, obwohl inzwischen sogar die Leiter großer Ölkonzerne vor dem nahenden Peak warnen. Ein paar Prozent Öl wird durch Biokraftstoff ersetzt, was inzwischen zur Krise in der Nahrungsmittelproduktion beiträgt. Sonne, Wind und Wasserenergie werden gefördert, bringen aber nicht annähernd genug, um Öl ausreichend und schnell genug zu ersetzen. Und das wird noch lange so bleiben. Zu lange, fürchten die Peak-Oil-Anhänger. PETRA STEINBERGER

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.132, Montag, den 09. Juni 2008 , Seite 13

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